Verstehen Sie Ihre Versicherung?

Wer einen Versicherungsschaden hat, muss sich nicht nur mit dessen Folgen, sondern auch mit komplizierten Klauseln herumschlagen. Denn wer weiß schon, beim Blick in die Allgemeinen Versicherungsbedingungen, ob seine Versicherung den Schaden jetzt reguliert? Bereits beim Abschluss einer Versicherung ist doch den meisten nicht klar, was er da gerade unterschrieben hat und welche Leistungen er im Schadenfall erwarten kann. Die Versicherer könnten Abhilfe schaffen, wenn sie sich Mühe mit der Sprache machen würden. Und tatsächlich hat der Branchenverband der Versicherer (GDV) den Linguisten Günther Zimmermann mit der Erstellung von Musterbedingungen beauftragt, die mittlerweile an die Mitgliedsunternehmen weitergegeben wurden.

Zimmermann untersucht bereits seit einigen Jahren die Allgemeinen Versicherungsbedingungen und Produktinformationsblätter, die die Versicherer ihren Kunden zur Verfügung stellen. §4 des Versicherungsvertragsgesetzes (VVG) regelt zwar, was das Produktinformationsblatt enthalten, aber nicht, dass es auch verstanden werden muss. So sprechen die Ergebnisse seiner Untersuchung auch eine eindeutige Sprache. Über 90 Prozent der Teilnehmer an seinen Tests verstanden die meist schlecht formulierten Sätze erst gar nicht, und dabei nahmen hauptsächlich hochgebildete Personen daran teil. Der Sprachwissenschaftler bemängelt vor allem, dass die miserable Verständlichkeit der Texte Transparenz verhindere. Ob nun gewollt oder ungewollt. Wer als Versicherungsnehmer seine Pflichten nicht kennt, kann schnell viel Geld verlieren. Und dabei spielt es keine Rolle, ob er die Pflichten nicht einhält, weil er sie einfach nicht verstanden hat. Böse Zungen behaupten gar, dass dies zur Strategie der Unternehmen gehöre, weil sie dann weniger auszahlen müssen.

Doch nicht nur die Kunden, auch die Sachbearbeiter im Service und in den Schadenabteilungen haben gleichermaßen mit den unverständlichen Texten zu kämpfen. Und damit verursachen sie auch in den Unternehmen Kosten. Daher hat bereits vor zwei Jahren die HUK-Coburg mithilfe des Bundes der Versicherten (BDV) und des damaligen Versicherungsombudsmannes Wolfgang Römer neue Bedingungen für die Hausratversicherung ausgearbeitet. Das Ziel, verständliche Sätze von höchstens 20 Wörtern zu bilden, gelang dabei nicht immer, wollte man juristisch genau bleiben. Leider verstecken sich viele Unternehmen hinter der Rechtfertigung, dass es der juristischen Genauigkeit geschuldet sei, Texte nicht immer verständlich formulieren zu können. Der aktuelle Versicherungsombudsmann Günter Hirsch, der Streitigkeiten zwischen Kunden und Versicherern schlichtet, sieht dies jedoch anders: „Dass juristische Präzision mangelnde Laienverständlichkeit bedinge, diesen Kurzschluss lehne ich ab. Nicht wenige Klauseln sind missverständlich, unklar und sogar juristisch unpräzise.“

Unter dem Motto „Versichern heißt Verstehen“ wollte der Versicherer Ergo Klartext reden und hat reichlich Vertragsbedingungen umformuliert und verknappt. Herausgekommen ist jedoch nicht mehr als das altbekannte „Versichern statt Verstehen“ und Linguist Zimmermann findet: „Das Ergebnis ist höchst blamabel. Die Vorankündigung wurde nicht eingelöst.“ Die neuen Texte seien kaum verständlicher als die alten und „An solchen Texten sitzen zu viele Juristen. Sie sind in einer Sprache sozialisiert, aus der sie nicht herauskommen.“

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