Allianz Umfrage - Gesundheitswesen: Mehr Transparenz und Gerechtigkeit

84 Prozent der Deutschen rechnen mit weiteren Einschränkungen in der medizinischen Versorgung. Die Bevölkerung wünscht eine öffentliche Debatte über gerechtere Verteilung und mehr Transparenz bei der Vergabe medizinischer Leistungen.

Derzeit findet in Deutschland eine lebhafte Diskussion über das Thema Priorisierung von Gesundheitsleistungen statt. Denn obwohl das deutsche Gesundheitswesen noch nicht an seine Finanzierungsgrenzen gestoßen ist, ist absehbar, dass es in nicht allzu ferner Zukunft zu größeren Veränderungen kommen muss. Eine Lösung, um der weiteren Anhebung des Beitragssatzniveaus in der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) dauerhaft entgegenzuwirken, wäre die Einstufung medizinischer Leistungen nach transparenten und objektiven Kriterien.

Eine im Februar 2009 von der Allianz Deutschland AG bei der GfK SE in Auftrag gegebene repräsentative Marktforschungsstudie (unter 1039 Personen ab 14 Jahren) hat ergeben, dass in der deutschen Bevölkerung durchaus der Wunsch nach erhöhter Transparenz bei der Vergabe medizinischer Leistungen und Güter besteht. Auf die Frage, in welcher Weise diese Einsparungen vorgenommen werden sollen, befürwortet die Mehrheit von 59 Prozent ein Gremium, das anhand von transparenten und objektiven Kriterien festlegt, welche Behandlungen als notwendig erachtet und welche als weniger wichtig eingestuft werden sollen. Erfolgreiche Vorbilder für das Verfahren der Priorisierung sind im Ausland zu finden.

31 Prozent fühlten sich schon einmal unzureichend behandelt

"Aufgrund der Entwicklungen im Gesundheitswesen der letzten Jahrzehnte rechnen 84 Prozent mit weiteren Einschränkungen in der medizinischen Versorgung", erklärt Wilfried Johannßen, Vorstandsmitglied der Allianz Privaten Krankenversicherungs-AG. "Bei einem institutionalisierten Priorisierungsverfahren wüssten die Bürger zumindest, warum sie bestimmte Leistungen erhalten oder nicht und dass sie alle gleich behandelt werden."

Verdeckte und implizite Rationierungen sind für die Bevölkerung überdies schon heute nichts Ungewöhnliches: 31 Prozent der Deutschen hatten bereits einmal das Gefühl, keine ausreichende medizinische Versorgung beziehungsweise Behandlung erhalten zu haben.

 

Kriterien zur Abstufung medizinischer Leistungen

Auf die Frage, welche Kriterien für Priorisierungen entscheidend sein sollen, erhalten dringliche Leistungen bei lebensbedrohlichen und akuten Erkrankungen mit 86,4 Prozent den höchsten Zuspruch. 55 Prozent befürworten, Leistungszuteilungen von der Länge der Wartezeit abhängig zu machen. Die größte Ablehnung erfährt hingegen die Einstellung von Behandlungen ab einem bestimmten Alter.

Ob eigenverantwortlich verursachte Schädigungen - zum Beispiel durch Rauchen, Übergewicht oder Risikosport - als Rechtfertigungsgrund für ungleiche Verteilungen Berücksichtigung finden dürfen, sind die Befragten hingegen unentschlossen. Auch die Frage, ob ausschließlich Behandlungen finanziert werden sollen, bei denen die Wirksamkeit beziehungsweise Erfolgsaussicht durch Studien gesichert ist, erfährt zwar mit 52 Prozent eine mehrheitliche Zustimmung. Immerhin 42 Prozent sprechen sich aber dagegen aus.

Krankenhaus- und zahnärztliche Behandlungen haben höchste Priorität

Die Umfrage zeigt auch, dass die Bevölkerung eine klare Vorstellung hat, welche Leistungen sie als notwendig erachtet und auf welche sie gegebenenfalls verzichten kann. Krankenhausbehandlungen erhalten bei den zur Wahl gestellten Leistungen des derzeitigen GKV-Leistungskatalogs mit 72 Prozent die höchste Priorität; an zweiter Stelle stehen mit 59 Prozent zahnärztliche beziehungsweise kieferorthopädische Behandlungen, an dritter Krebsfrüherkennungsmaßnahmen (51 Prozent) und an vierter Gesundheitsschecks (41 Prozent). Die Deutschen entscheiden sich damit für Leistungen, die für den Einzelnen hohe Kosten bedeuten können und oft in Anspruch genommen werden.

Am ehesten verzichten können die Deutschen mit 83 Prozent auf die künstliche Befruchtung und an zweiter Stelle (67 Prozent) auf den Schwangerschaftsabbruch. An dritter Stelle folgen mit 36 Prozent die Gesundheitsförderung und an vierter mit 27 Prozent die Mutterschaftsleistungen. Gerade hier zeigt sich, dass der Stellenwert einer Leistung stark vom Alter und der persönlichen Situation der Befragten abhängt.

"Höchste Zeit, das Thema öffentlich zu diskutieren"

"Die Erfahrungen aus anderen europäischen Ländern zeigen, dass die Priorisierung medizinischer Leistungen ein langwieriger Prozess ist," erläutert Wilfried Johannßen. "Vor dem Hintergrund der anwachsenden Finanzierungsprobleme in der Pflichtversicherung ist es jedoch höchste Zeit, das Thema öffentlich und nicht nur in Fachkreisen zu diskutieren."