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Beurteilung von Berufsunfähigkeitsversicherungen

Bevor Sie sich für eine selbstständige Berufsunfähigkeitsversicherung beziehungsweise für eine Berufsunfähigkeits-Zusatzversicherung entscheiden, sollten Sie unbedingt die im Folgenden gelisteten Leistungsfragen prüfen und sich damit ein Bild über die Kundenfreundlichkeit des Produktes machen. Sind Ihnen bestimmte Punkte besonders wichtig, sollten Sie Ihren Versicherer befragen, ob die Bedingungen in Ihrem Sinne formuliert sind.

  • Verweisungsverzicht
    Verzichtet der Versicherer bedingungsgemäß für die versicherbaren Berufe altersunabhängig und eindeutig auf sein Recht auf abstrakte Verweisung? (üblicherweise § 2, Absatz 1)

    Dem Versicherer steht grundsätzlich ein Verweisungsrecht im Falle der Berufsunfähigkeit zu. Damit die Verweisung keinen sozialen Abstieg bzw. ein deutlich geringeres Einkommen nach sich zieht, sollte in der Definition des Begriffs der Berufsunfähigkeit formuliert sein, dass der Versicherte außerstande sein muss, eine Tätigkeit auszuüben, "die aufgrund seiner Kenntnisse und Fähigkeiten (Ausbildung und Erfahrung) ausgeübt werden kann und seiner bisherigen Lebensstellung entspricht". Was geschieht aber nun, wenn der Versicherer Sie verweist, und damit leistungsfrei wird, Sie in dem Verweisungsberuf jedoch keinen Arbeitsplatz bekommen (abstrakte Verweisung)?

    Hinweis Gute BU-Bedingungen liegen dann vor, wenn der Versicherer auf die abstrakte Verweisung verzichtet und nur dann verweisen kann, wenn Sie eine neue Tätigkeit, die "Ihrer bisherigen Lebensstellung" entspricht auch tatsächlich ausüben (konkrete Verweisung).
    Sehr gute Bedingungen liegen dann vor, wenn der Versicherer ab einem bestimmten Alter, beispielsweise ab dem 50. Lebensjahr, vollständig auf die Verweisung verzichtet.

     

  • Prognosezeitraum
    Ist die Leistungspflicht des Versicherers bereits dann gegeben, wenn der Arzt eine Berufsunfähigkeit von "voraussichtlich 6 Monaten" diagnostiziert? (üblicherweise § 2, Absatz 1)

    Bei der Definition des Begriffs "Berufsunfähigkeit" wird als Voraussetzung auch der Zeitraum bestimmt, den der Versicherte voraussichtlich berufsunfähig sein muss, damit die Leistungspflicht des Versicherers eintritt.

    Tipp Achten Sie darauf, dass die Formulierung nicht lautet "voraussichtlich dauernd außerstande", den dies würde laut Rechtsprechung einem Zeitraum von drei Jahren entsprechen. Gute BU-Bedingungen liegen dann vor, wenn der Prognosezeitraum verkürzt ist. Entsprechende Formulierungen lauten "voraussichtlich sechs Monate ununterbrochen" oder "voraussichtlich mindestens 6 Monate".

     

  • Rückwirkende Anerkennung
    Leistet der Versicherer auch dann ab Eintritt der Berufsunfähigkeit (rückwirkend), falls die Berufsunfähigkeit von Beginn an nicht als solche zu erkennen war? (üblicherweise § 2, Absatz 3)

    Hier ist zu prüfen, ob der Versicherer auch dann die BU-Rente ab Eintritt der Berufsunfähigkeit zahlt, wenn diese zunächst nicht erkennbar war beziehungsweise der Arzt keine klare Prognose abgeben konnte. Formuliert der Versicherer in den Bedingungen: "So gilt die Fortdauer dieses Zustandes als Berufsunfähigkeit", so bedeutet dies, dass die BU-Rente erst ab dem 7. Monat gezahlt wird. Gute Bedingungen liegen dann vor, wenn der Versicherer in diesem Fall "von Beginn an", also rückwirkend leistet.
  • Rückwirkende Zahlung bei verspäteter Meldung
    Leistet der Versicherer bei einem verspätet angemeldeten Versicherungsfall rückwirkend (mindestens bis zu 3 Jahren)? (üblicherweise § 1, Absatz 3)

    Hinweis Melden Sie Ihre Berufsunfähigkeit umgehend (innerhalb der ersten drei Monate) nach Eintritt des Versicherungsfalles, ansonsten entsteht ein Leistungsanspruch erst mit Beginn des Monats, in dem die Mitteilung erfolgte. Einen Anspruch auf BU-Leistungen haben Sie in der Regel dann mit Ablauf des Monats, in dem die Berufsunfähigkeit eingetreten ist. Eine verspätete Meldung könnte also zu Leistungseinbußen führen.

    Da es in der Praxis des Öfteren vorkommt, dass Meldungen verspätet erfolgen, beispielsweise weil der Versicherte durch einen schweren Unfall gehindert oder die BU als solche nicht sofort erkannt wurde, ist es sehr wichtig, dass auch bei verspäteter Meldung rückwirkend geleistet wird. Einige Versicherer haben daher den 3-Monats-Zeitraum auf bis zu 3 Jahre verlängert.

    Hinweis Haben Sie Leistungen aus einer Krankentagegeldversicherung erhalten und zudem rückwirkende Zahlungen durch Ihren BU-Versicherer, kann der Krankentagegeld-Versicherer seine Zahlungen zurückverlangen, da er ab Eintritt der Berufsunfähigkeit maximal drei Monate leisten muss. Es könnten daher Rückforderungen durch Ihren Krankentagegeld-Versicherer auf Sie zukommen.

     

  • Rücktrittsrecht des Versicherers
    Welche Fristen gelten für das Rücktrittsrecht des Versicherers aufgrund von Verletzungen der Anzeigepflicht des Versicherten? (üblicherweise § 9, Absatz 2)

    Im Antrag zur Berufsunfähigkeitsversicherung haben Sie die Gesundheitsfragen wahrheitsgemäß zu beantworten. Verletzen Sie diese Anzeigepflicht, steht dem Versicherer innerhalb von 10 Jahren nach Vertragsabschluss ein Rücktrittsrecht zu. Da in vielen Anträgen immer noch sehr lange Zeiträume abgefragt werden, können unabsichtlich gemachte unrichtige, unvollständige oder unterlassene Angaben fatale Folgen haben. Günstig ist daher ein möglichst kurzes Rücktrittsrecht. Einige Versicherer haben diese Frist auf 5 oder sogar auf 3 Jahre verkürzt.

    Hinweis Haben Sie jedoch auf die Annahmeentscheidung durch "unrichtige oder unvollständige Angaben bewusst und gewollt" Einfluss genommen, bleibt dem Versicherer das Recht auf Anfechtung erhalten.

     

  • Schuldlose Obliegenheitsverletzung
    Verzichtet der Versicherer bedingungsgemäß auf die Anwendung des § 41 VVG? (unterschiedliche Fundstellen)

    Lag bereits bei Vertragsbeginn ein erhöhtes Risiko vor, das weder Ihnen noch Ihrem Versicherer bekannt war und aus diesem Grund schuldlos nicht angegeben wurde, greift § 41 VVG. Der Versicherer erhält damit das Recht, den Beitrag zu erhöhen bzw. den Vertrag zu kündigen. In guten BU-Bedingungen wird daher auf die Anwendung des § 41 VVG verzichtet.
  • BU-Leistung im Pflegefall
    Wird die BU-Leistung an den Kriterien der Pflegeversicherung gemessen?

    Die meisten Versicherer leisten, wenn der Pflegefall eingetreten ist und der erforderliche BU-Grad (noch) nicht erreicht ist. In der Regel wird es sich bei einem Pflegefall wohl aber auch um einen BU-Fall handeln.
    Der Grad der Hilfsbedürftigkeit wird in drei Stufen eingeteilt und zwar in:

    Stufe I (1. Fortbewegen im Zimmer, 2. Aufstehen und Zubettgehen, 3. An- und Auskleiden),

    Stufe II (4. Waschen, Kämmen und Rasieren, 5. Einnehmen von Mahlzeiten) und

    Stufe III (6. Verrichtung der Notdurft).

    In Pflegestufe III wird dann die volle Leistung, in Stufe II meist 70% und in Stufe I 50% gezahlt. Ist der BU-Grad von 50% erreicht, wird die vereinbarte Leistung unabhängig von der Pflegestufe fällig.
  • Beitragsstundung
    Stundet der Versicherer die Beiträge ab Meldung?

    Prinzipiell müssen Sie die Beiträge bis zur Entscheidung über die Leistungspflicht weiterzahlen und erhalten die zu viel gezahlten Beiträge nach Anerkennung zurück.

    Hinweis Prüfen Sie, ob der Versicherer bereit ist, auf Antrag die Beiträge während der Leistungsprüfung zu stunden und dafür keine Stundungszinsen zu berechnen.

     

  • Beitragsanpassungen
    Garantiert der Versicherer die Höhe der Bruttobeiträge während der Vertragslaufzeit? (unterschiedliche Fundstellen, § 6, § 9, § 23)

    § 172 VVG regelt das Recht des Versicherers auf Beitragsanpassungen während der Vertragslaufzeit. Hierzu ist die Einhaltung bestimmter Prozeduren sowie die Überprüfung durch einen unabhängigen Treuhänder notwendig, sollte sich der Leistungsbedarf zur ursprünglichen Kalkulation verändert haben. Verzichtet der Versicherer nicht auf sein Recht auf Beitragsanpassungen nach § 172 VVG, sind die Brutto- sowie die Nettobeiträge nicht über die gesamte Vertragslaufzeit garantiert.
  • Arztanordnungsklausel
    Verzichtet der Versicherer auf die Arztanordnungsklausel?

    Meist wird auf die Arztanordnungsklausel verzichtet. Hierdurch wären Sie verpflichtet "zumutbaren" Arztanordnungen Folge zu leisten. Der Versicherer könnte ansonsten die Leistung verweigern.
  • Ausschlüsse
    In welchen Fällen ist der Versicherungsschutz ausgeschlossen?

    Prüfen Sie, ob die Versicherungsbedingungen für Sie nicht hinnehmbare Ausschlüsse enthalten. Beispielsweise für die Beteiligung an Fahrtveranstaltungen mit Kraftfahrzeugen oder Ausschlüsse aufgrund der Luftfahrtklausel.
  • Geltungsbereich
    Ist der Versicherungsschutz auf Deutschland begrenzt?

    In der BU ist Versicherungsschutz bei normalen Urlaubsaufenthalten weltweit gegeben. Ist jedoch voraussehbar, dass Sie irgendwann längerfristig oder auf Dauer in das europäische oder außereuropäische Ausland verziehen, sollten Sie prüfen, ob die Versicherungsbedingungen hier Restriktionen vorsehen. Die meisten Versicherer regeln den Auslandsaufenthalt nicht, sodass dann auch Versicherungsschutz besteht. Es sind jedoch auch zeitliche Befristungen möglich. Tritt Berufsunfähigkeit ein, so muss diese in der Regel in Deutschland festgestellt werden.
  • Staffelregelung
    Ist anstatt der Pauschalregelung auch eine Staffelregelung vereinbar? Obwohl die Staffelregelung bei schleichenden Krankheiten besser greift, kommt es aufgrund der schwierigen Bestimmung des Invaliditätsgrads in der Praxis häufig zu Streit.

    Tipp Für risikoreiche und spezialisierte Berufe ist daher die Pauschalregelung (volle Rente ab 50%) günstiger.

     

  • Karenzzeiten
    Besteht die Möglichkeit Karenzzeiten zu vereinbaren?

    Stehen Ihnen in den ersten Monaten einer Berufsunfähigkeit Leistungen aus anderen Quellen zur Verfügung, sollten Sie prüfen, ob Ihr Versicherer die Möglichkeit zur Vereinbarung von Karenzzeiten bietet.
    Während der vereinbarten Karenzzeit erhalten Sie keine BU-Leistungen, zahlen damit aber weniger Beitrag.

    Hinweis Sehr günstig wäre es, wenn der Versicherer eine additive Karenzzeit bietet. Hierbei wird die Dauer einer ersten vorübergehenden Berufsunfähigkeit auf eine spätere angerechnet. Voraussetzung ist, dass die erneute Berufsunfähigkeit auf gleicher Ursache beruht und innerhalb von 2 Jahren eingetreten ist. Dies verkürzt dann die Wartezeit auf die neuerliche BU-Rente.

     

  • Anzeigepflicht
    Besteht Anzeigepflicht für einen Berufswechsel oder erhöhte Risiken?

    In der Regel müssen Sie einen Berufswechsel nicht anzeigen. Es gilt der Beruf als versichert, den Sie bei Eintritt des BU-Falls ausüben. Prüfen Sie aber, ob eine Berufsklausel vereinbart werden soll. Bei einem Berufswechsel könnte dann der zunächst geltende Verzicht auf abstrakte Verweisung für den neuen Beruf nicht weiter gelten.
  • Erhöhung der BU-Rente
    Besteht die Möglichkeit die Berufsunfähigkeitsrente nachträglich zu erhöhen?

    Es könnte der Wunsch entstehen, beispielsweise nach einer Heirat oder weil Sie sich selbstständig gemacht haben, die BU- Rente später zu erhöhen. Einige Versicherer sehen diese Möglichkeit auch ohne erneute Gesundheitsprüfung vor.
  • Dynamik des Haupttarifs im Falle einer BUZ
    Besteht im Falle einer Berufsunfähigkeits-Zusatzversicherung die Möglichkeit die Dynamisierung des Haupttarifs weiterzuführen?

    Haben Sie für den Haupttarif (Lebens- oder Rentenversicherung) eine Dynamik vereinbart, so endet diese, wenn Berufsunfähigkeit eintritt. Ist für Sie das Erreichen des Versorgungsziels unabdingbar, so sollten Sie prüfen, ob Ihr Versicherer, dann gegen Mehrbeitrag, die Dynamik des Haupttarifs im BU- Fall zu einem vereinbarten Prozentsatz weiterführt. Ansonsten wäre eine Steigerung des Todesfallschutzes und der Erlebensfallleistungen nur noch durch die Gewinnbeteiligung des Versicherers gegeben.

 

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