vzbv fordert Check-Up der Altersvorsorge, mehr Kostentransparenz und eine qualifizierte Beratung

07.12.2009 - Eine Generalinspektion der Altersvorsorge fordert der Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) acht Jahre nach Einführung der Riester-Rente. "Es wird höchste Zeit, die Effektivität und Effizienz der Altersvorsorge auf den Prüfstand zu stellen", lautet der Appell von Vorstand Gerd Billen heute in Berlin. Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen müsse sich ein umfassendes Gesamtbild verschaffen, um die Alterssicherung nachhaltig zu gestalten. Wie groß der Handlungsbedarf ist, skizziert ein heute anlässlich der Tagung "Vor Sorge ums Alter" vorgelegtes Gutachten. Die Tagung debattiert, was Politik und Verbraucher heute tun müssen, um für das Morgen vor- und auszusorgen.

Informationen zur Altersvorsorge

Der Verbraucherzentrale Bundesverband hat erhebliche Zweifel an der Zukunftsfähigkeit des gegenwärtigen Altersvorsorgesystems. "Ziel muss eine sichere Versorgung für alle im Alter sein. Diese muss auf solide Füße gestellt werden und darf nicht nach dem Prinzip Hoffnung verfolgt werden", kommentiert Billen den Status Quo. Eine Absenkung der gesetzlichen Rente ist nur dann zielführend, wenn auf der anderen Seite Verbraucher auch tatsächlich über die erforderliche Finanzkraft für eine Zusatzvorsorge verfügen und auf effiziente Produkte am Markt stoßen.

Mangels Wettbewerb können Verbraucher nicht vernünftig entscheiden
Das von Prof. Dr. Andreas Oehler von der Universität Bamberg verfasste Gutachten "Alles Riester? Die Umsetzung der Förderidee in der Praxis" stellt vielen "Riester"-Produkten vor allem hinsichtlich der Transparenz und der Kostenforderungen ein schlechtes Zeugnis aus. Demnach halten nur knapp die Hälfte aller Anbieter nutzbare Kosteninformationen bereit, fast 40 Prozent der Angebote weisen die Kosten nicht wie vorgeschrieben in Euro aus oder machen nur teilweise Angaben, ein Drittel der Angebote enthält keine Angaben zu den Kosten eines Vertragswechsels, fast ein Viertel keine hinreichenden Angaben zu den Abschluss- und Verwaltungskosten.

Die Untersuchung zeigt zudem dramatische Unterschiede in den quantitativen Resultaten zwischen und innerhalb der Produktgruppen. Ein Ergebnis des Gutachtens überrascht daher nicht: "Eher dürfte ein Verbraucher mehr spielerisches Glück benötigen als er sich an Sachverstand sinnvoll aneignen kann, um einem unnötigen Kostenrisiko zu entgehen. Vor diesem Hintergrund sollte man nicht von Entscheidungen in einem wettbewerblichen Umfeld der sozialen Marktwirtschaft sprechen, sondern eher von einer Lotterie."

Wahrheit und Klarheit durch standardisierte Produktinformation
Der Mangel an Transparenz macht einen Produktvergleich und damit einen funktionierenden Preis- und Qualitätswettbewerb nahezu unmöglich. "Es kann kein Wettbewerb entstehen, wenn ich die Produkte nicht verstehe", sagt Billen und fordert eine Standardisierung der Produkt- und Kosteninformationen. Diese muss die wesentlichen Informationen verständlich ausweisen. Insbesondere sei durch beispielsweise vergleichbare Kosten-Kennziffern auch eine produktgruppenübergreifende Vergleichsmöglichkeit zu schaffen.

Anlageberater muss unabhängiger Lotse sein
Aber allein die Verbesserung der Informationsgrundlage wird nicht reichen. Um die Verbraucher in ihrer Beurteilung und Entscheidung zu unterstützen, bedarf es eines produktunabhängigen Lotsen. Als Konsequenz einer schlechten Produktempfehlung landen staatliche Fördergelder vielfach nicht bei den Förderberechtigten, sondern als Provisionen bei den Anbietern. Verschiedene Analysen von Riester-Angeboten der Verbraucherzentralen zeigen, dass die Kosten für Riesterverträge teilweise die Zulagen aufzehren. Und wer das Recht auf Anbieterwechsel nutzt, kann das eingezahlte Kapital nahezu vollständig verlieren. Um Verbraucher vor Fehlentscheidungen zu bewahren und zukunftsfähigen Vorsorgeprodukten zum Durchbruch zu verhelfen, fordert der vzbv eine Stärkung der anbieterunabhängigen Beratung.

Wo stehen wir heute?
Die zurückliegenden Reformschritte in der Altersvorsorge haben eine Absenkung des Versorgungsniveaus zur Folge. Und die als Lückenfüller geschaffene, staatlich unterstützte private Zusatzrente kann das Defizit nicht ausgleichen. Maximal die Hälfte der Förderberechtigten hat bislang einen Vertrag abgeschlossen (12,89 Millionen "Riester"-Verträge bis September 2009). Davon erhalten lediglich rund 60 Prozent der Empfänger die maximale Zulage. Neben dieser offenkundigen Unterversorgung stellen der demographische Wandel und die wirtschaftlichen Folgen der Finanzkrise die Politik vor zusätzliche Herausforderungen.

Eine im Oktober 2009 von der Postbank veröffentlichten Studie hat gezeigt, dass das Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger in ihre Privatvorsorge gesunken ist. Demnach hat im zurückliegenden Jahr rund jeder fünfte Berufstätige seine Verträge zur privaten Altersvorsorge gekürzt oder die Zahlung gleich ganz eingestellt. Jeder dritte Berufstätige gab an, im Alter über keinerlei Einnahmen aus einer privaten Vorsorge zu verfügen. Ebenfalls ein Drittel ist verunsichert und fragt sich, welche privaten Anlageformen überhaupt noch Sinn machen.